Club mit lilafarbigem Licht
In kleinen Pop-up-Clubs wird das Format Club in neuer Form und seltener gedacht. Foto: Unsplash (c) Valentin Bonjour / Unsplash

Clubsterben in der Provinz: Der Verlust subkultureller Räume und seine gesellschaftlichen Konsequenzen

Das Phänomen des Clubsterbens in kleinen und mittleren Städten des DACH-Raums stellt eine der gravierendsten kulturellen und sozialen Krisen der letzten zwei Jahrzehnte dar, die bei öffentlicher Wahrnehmung und politischer Aufmerksamkeit jedoch systematisch unterschätzt wird . Während über Clubschließungen in großen Metropolen wie Berlin oder Zürich intensiv berichtet wird, verschwindet die Subkultur aus kleineren Städten mit unter 200.000 Einwohnern nahezu unbemerkt – ein stilles Ausbluten der lokalen Nachtkultur, das weitreichende Konsequenzen für Jugendliche, künstlerische Karrieren, Tourismus und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Provinzstädten mit sich bringt. Zwischen wirtschaftlichen Zwängen, regulatorischen Hürden und dem Wandel der Freizeitgewohnheiten einer jungen Generation verlieren Kulturräume ihre Existenzgrundlage, und mit ihnen verschwinden auch sichere Freiräume für marginalisierte Gruppen, Orte für künstlerische Experimente und zentrale Identifikationsorte für Jugendliche in einer zunehmend digitalisierten Welt. Die strukturellen Probleme, die diesen Prozess antreiben, sind nicht zufällig entstanden, sondern sind das Resultat einer Kombination aus architektonischen, regulatorischen, wirtschaftlichen und demografischen Faktoren, die in der Provinz besonders drastisch wirken. Dieser Bericht untersucht das Clubsterben im DACH-Raum aus gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, kultureller und politischer Perspektive und zeigt auf, welche Konsequenzen dieser Verlust für betroffene Städte und die Gesellschaft im Gesamten hat.

Die Ausmaße und Dimensionen des Clubsterbens im DACH-Raum

Das Clubsterben ist kein neues Phänomen, doch die Geschwindigkeit und Intensität, mit der es sich in den letzten fünfzehn Jahren ausgebreitet hat, sind alarmerend. In Deutschland ist die Anzahl der Clubs im Zeitraum von 2010 bis 2017 um etwa 22 Prozent gesunken, wobei diese Statistik die fortgeschrittene Entwicklung der Jahre 2018 bis 2025 noch nicht vollständig erfasst. Noch dramatischer sind die Zahlen in ländlicheren Regionen und Provinzstädten, wo das Angebot an Kulturräumen ohnehin bereits begrenzt war und die Verluste daher umso stärker ins Gewicht fallen. In Österreich zeigt sich ein ähnliches Muster: In Niederösterreich gab es 2015 noch rund 360 Nachtlokale, 2019 waren es nur mehr 270, und 2024 – nach der Coronakrise – gerade einmal 252 Betriebe. Diese kontinuierliche Reduktion um etwa 30 Prozent über einen Zeitraum von neun Jahren verdeutlicht die systematische Ausmerzung von Nachtkulturstätten aus dem ländlichen Raum. In der Schweiz verschwinden Traditionsclubs wie das Mascotte in Zürich nach 109 Jahren, während der Club Zukunft, einst Herzstück der Technoszene, einem Coop Pronto weichen musste. Diese Symbolkraft dieser Schließungen ist enorm: Sie repräsentiert nicht nur den Verlust einzelner Orte, sondern das Verschwinden eines kulturellen Ökosystems, das für Generationen von Jugendlichen prägend war.

Die zeitliche Dimension dieses Sterbens ist ebenso bedeutsam wie seine numerische Ausprägung. Der Spiegel identifizierte die Problematik bereits im Jahr 2001 im Kontext der Verdrängung alternativer Clubs durch Immobilienentwicklung in Berlin. 1998 führte die Erhöhung der Künstlersteuer schon zu ersten Warnungen vor einem Clubsterben. Im Jahr 2012 organisierte sich eine Initiative von Clubbetreibern gegen drastisch erhöhte Musiknutzungsgebühren der GEMA, die ein „Clubsterben” auszulösen drohte. Doch während diese frühen Warnungen noch relativ sporadisch waren, hat sich die Situation seit 2015 kontinuierlich verschärft, besonders nach der Pandemie. Das Goethe-Institut stellte 2019 fest, dass in ganz Deutschland Clubs schließen mussten und das Thema Clubsterben die Szene beschäftigte. Die frühen 2020er-Jahre waren dann von einer beispiellosen Welle an Clubschließungen geprägt, gefolgt von einer nur schleppenden Erholung, die bis heute anhält.

Die geografische Dimension des Clubsterbens offenbart ein großes Urban-Rural-Gefälle: Während große Metropolen noch über ein Minimum an etablierten Clubs verfügen, verzeichnen mittlere und kleinere Städte katastrophale Verluste. London verlor seit 2007 fast 50 Prozent aller Clubs, hauptsächlich durch steigende Mieten, und Berlin hat seit 2010 rund 100 Clubs verloren, viele davon in innerstädtischen Bezirken. Doch in Provinzstädten ist diese Entwicklung noch extremer: In Regionen wie Mistelbach in Österreich gibt es nördlich der Stadt keine klassischen Tanztempel mehr, und junge Menschen zieht es nach Wien oder zu Vereinsfesten. Diese Konzentration von Clubkultur in den großen Zentren bedeutet gleichzeitig einen Verlust von kulturellen Ankerpunkten in der Fläche, was zu einer neuen Form der regionalen Ungleichheit führt.

Ursachenanalyse: Die vielschichtige Krise des kleinstädtischen Clubbetriebs

Das Clubsterben ist nicht das Resultat einer einzelnen Ursache, sondern vielmehr die Konsequenz eines Zusammenspiels von ökonomischen, regulatorischen, architektonischen und sozialen Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Ein grundlegendes Verständnis dieser Ursachen ist essentiell, um die Tiefenwirkung dieses Phänomens zu verstehen und nicht in simplistische Schuldzuweisungen zu verfallen.

Ökonomische Pressionsfaktoren und Kostensteigerungen

Die wirtschaftliche Situation von Clubs in kleinen und mittleren Städten hat sich seit Mitte der 2000er Jahre fundamental verschärft. Ein prominentes Beispiel ist das TIC in Duisburg, das für seine Fläche von rund 600 Quadratmetern und zwei wöchentliche Öffnungstage schätzungsweise 1.200 Euro monatlich nur für Musiknutzungsgebühren zahlt – eine Last, die ein umsatzstarkes Wochenende voraussetzt. Die Gesamt-Kostenlast für Clubbetreiber ist in den letzten zwei Jahrzehnten explosionsartig angewachsen. Zu den Musiknutzungsgebühren der GEMA kommen gestiegene Abgaben für Nebenkosten, Lohn- und Versicherungskosten hinzu, die zusammen ein wirtschaftliches Konzept infrage stellen.

Besonders drastisch waren die Auswirkungen der GEMA-Tarifreform von 2013, bei der Clubs und Diskotheken mit Gebührensteigerungen von 400 bis 600 Prozent rechnen mussten, bei Musikkneipen sogar über 2.000 Prozent. Ein kleineres Lokal mit einer Raumgröße von 130 Quadratmetern, das von 20 Uhr bis 1:30 Uhr Musik spielte, musste vorher 48,15 Euro pro Tag an die GEMA zahlen, künftig sollten es 108,28 Euro sein – eine Steigerung um 60 Euro täglich, was für viele kleine Läden den Gewinn aufzehrt. Obwohl diese Steigerung später in gestufter Form eingeführt wurde und teilweise eine Übergangsregelung gab, zeigte dies die strukturelle Anfälligkeit des Clubbetriebs.

Die Mietkosten haben sich in den letzten zehn Jahren in vielen Provinzstädten erheblich erhöht, besonders dort, wo es zu Gentrifizierungsprozessen gekommen ist . Die Wilde Renate in Berlin, ein legendärer Club im Friedrichshain, sah ihre Miete in zehn Jahren um 150 Prozent steigen und musste Ende 2025 schließen. Dieses Szenario wiederholt sich in abschwächter Form in vielen kleineren Städten: Vermieter entdecken, dass Gewerbeflächen in zentralen Lagen lukrativer mit anderen Nutzungen zu verwenden sind. Ein Club kann mit seinen volatilen Einnahmen konkurriert nicht mit Einzelhandelsketten oder gastronomischen Konzepten mit stabileren Geschäftsmodellen.

Die Energiekosten sind seit der Energiekrise 2022/2023 zu einem zusätzlichen Druckfaktor geworden . Clubs mit großen Räumen, aufwendiger Beleuchtungs- und Soundtechnik sind energieintensive Betriebe. In Berlin berichten 89 Prozent der Clubbetriebe davon, dass sie mit gestiegenen Betriebskosten kämpfen, insbesondere durch erhöhte Energiekosten und Mieten. Für Betreiber in Provinzstädten, die ohnehin mit geringeren Umsätzen kalkulieren müssen, führt dies zu Situationen, in denen die Betriebskosten die durchschnittlichen Einnahmen übersteigen.

Die Nachwirkungen der Coronapandemie und wirtschaftliche Erholung

Die COVID-19-Pandemie wirkte als Brandbeschleuniger für bereits bestehende Krisen . Mit den Lockdowns 2020/21 und den damit verbundenen Betriebsschließungen mussten Clubs über Monate hinweg komplett schließen, verloren aber ihre laufenden Kosten nicht. Besonders gravierend waren die psychischen Auswirkungen: Die Arbeitsverbote im kulturellen Bereich sorgten im Winter 2020/21 bei vielen Clubbetreibern zu einer Art „mentaler Insolvenz”, wie es ein Kulturwissenschaftler ausdrückt, die schlimmer wahrgenommen wurde als die wirtschaftliche Notlage. Manche Betreiber geben an, ihre kompletten privaten Ersparnisse und Altersvorsorgen aufgebraucht zu haben, und ohne Überbrückungshilfen der Bundesregierung wäre ein großer Teil der Club- und Spielstätten nicht über die Pandemie gekommen.

Die Erholung nach der Pandemie ist bis heute nicht vollständig erfolgt. In Berlin, das noch mehr Clubs hat als Provinzstädte, berichten 73 Prozent der Clubs von Umsatzrückgängen, und die Besucherzahlen sind im Vergleich zu vor der Pandemie um durchschnittlich 20 Prozent gesunken. In kleinen Städten, wo bereits die Basis kleiner war, führt ein 20-prozentiger Umsatzrückgang oft zu Betriebsverlust. Der Clubbetreiber des legendären Berliner Clubs Watergate äußerte sich dazu: „Musik wird anders (digital) konsumiert, auch Festivals sind wichtiger geworden. Nichts ist für immer”. Diese Haltung drückt aus, dass selbst etablierte Betreiber nicht mehr von einer Renaissance der Clubkultur ausgehen.

Regulatorische Hürden und Lärmschutzregelungen

Clubs in kleinen und mittleren Städten sind mit einer zunehmend komplizierteren regulatorischen Landschaft konfrontiert, die das Betriebsrisiko enorm erhöht. Kleine Clubs leiden oft unter unverhältnismäßigen Bürokratiehürden: strenge Lärmschutzregelungen, hohe Sicherheitsauflagen und komplizierte Genehmigungsprozesse. Das Nichtraucherschutzgesetz von 2008 zeigte bereits erste solche Auswirkungen: Der legendäre Kölner Club LaLic verlor einen großen Teil seines Kundenstamms der 16- bis 18-jährigen Menschen, als dieser Club raucherfrei werden musste. Der Betreiber Hein Förster beschrieb die Situation 2012: „Raucherclub ging erst mit Erwachsenen, nachdem ich die Raucher eine Zeit lang vor das Lokal geschickt habe, was zu Ärgernissen mit der Nachbarschaft führte. Daraus resultierende Ertragseinbrüche konnten nicht entsprechend kompensiert werden”.

Diese Regelungen sind an sich nicht ungerechtfertigt, offenbaren aber ein grundlegendes Problem: Während große Clubs sich neue Gebäude mit professionellen Lüftungssystemen leisten können, müssen kleine Betreiber mit bestehenden Strukturen arbeiten. Der Brandschutz ist eine weitere Herausforderung – bei Normverschärfungen müssen Altbauten oft teure Sanierungen vornehmen. Der Betreiber des Clubs Zwischenfall in Köln beschrieb, dass er nach einem Brand 2011 nicht die Mittel aufbringen konnte, um wieder zu öffnen.

Das Agent-of-Change-Prinzip, das in England und Schottland eingeführt wurde und auch in Deutschland diskutiert wird, zeigt einen innovativen Ansatz zur Lösung dieses Problems . Das Konzept besagt, dass derjenige, der eine Veränderung in der Nachbarschaft verursacht – also ein neues Wohngebäude neben einem bestehenden Club – auch die Verantwortung für Lärmschutzmaßnahmen trägt, nicht umgekehrt. Damit würde die Last von etablierten Clubs auf neue Projekte verlagert werden. Bislang ist dieses Prinzip in Deutschland jedoch noch nicht flächendeckend rechtlich verankert.

Änderungen im Konsumverhalten der Generation Z

Die junge Generation konsumiert Kultur und Freizeit grundlegend anders als ihre Vorgänger . Generation Z trinkt deutlich weniger Alkohol als frühere Generationen – in der Schweiz trinken über 60 Prozent der 15- bis 24-jährigen Frauen selten oder gar nicht, und bei den jungen Männern sind es mehr als 50 Prozent. Der klassische Club, der seine Umsätze über Shots und Longdrinks generiert, passt nicht mehr zu diesem Lebensgefühl. Laut einer Umfrage der Berliner Clubcommission denkt fast die Hälfte der befragten Mitgliedsläden darüber nach, 2025 zu schließen, mit sinkenden Besucherzahlen als Hauptgrund .

Parallel dazu hat sich auch die Art der Freizeitgestaltung verändert . Statt in Clubs zu gehen, wird lieber zu Hause gestreamt, auf Social Media „gechillt”, oder es werden Dating-Apps genutzt. Vereinsfeste, Zeltfeste und Themenabende bieten günstigere Preise und regionale Verbundenheit, während die klassische Großraumdisco mit fixem Programm es schwer hat. Dies ist besonders in kleineren Städten ein Problem, wo alternative Unterhaltungsangebote wie Festivals, Stadionkonzerte und kommerzielle Großveranstaltungen ohnehin schon Gäste abziehen – „jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden”.

Der Parteiexzess hat sich auch abgekühlt. In Berlin wird in manchen Clubs bis 8 Uhr morgens gefeiert, doch das ist die Ausnahme, nicht mehr die Regel. „Früher gabs keine Endzeit, da hat man einfach geguckt, wie lange alle stehen konnten”, sagt die Leiterin der Wilden Renate. Dieser Wandel ist teilweise gesundheitsbewusst motiviert, teilweise auch durch erhöhte Sicherheitsbedenken: Berichte über Terroranschläge, sexuelle Übergriffe in Clubs und K.-o.-Tropfen haben das Bewusstsein für Sicherheit erhöht. Aus FOMO (Fear of Missing Out) ist FOGO (Fear of Going Out) geworden.

Die Clubkultur wird zudem mit kommerzialisierten Großclubs und internationalen Clubketten verdrängt. Große Veranstalter können Künstler mit höheren Gagen anziehen und arbeiten professioneller, während kleine unabhängige Clubs nicht mithalten können. Dies führt zu einer Konzentration der Clubkultur bei wenigen großen Playern, die in der Regel nur in den Großstädten zu finden sind.

Fallstudien aus dem DACH-Raum: Konkrete Beispiele des Clubsterbens

Die abstrakten Statistiken werden greifbar, wenn man sich konkrete Beispiele aus Provinzstädten anschaut. Diese zeigen, wie das Clubsterben vor Ort wirkt und welche Besonderheiten es in kleineren Städten hat.

Österreich: Das Discoterben im Bezirk Mistelbach

Mistelbach ist eine Bezirkshauptstadt in Niederösterreich mit etwa 25.000 Einwohnern und illustriert perfekt die Situation in der österreichischen Provinz. Wer heute dort jung ist und tanzen möchte, muss weiter fahren – nach Wien oder Krems. Discos wie das „Sachs”, der „Auhof” mit seinen legendären Poolpartys, das „Luna”, „Joy”, „Omega”, „Point” und das „Tritsch-Tratsch” sind alle verschwunden. Wo einst Wochenende für Wochenende getanzt, geflirtet und gefeiert wurde, herrscht heute Stille. Diese Namen sind mehr als nur alte Lokale – sie repräsentieren eine Jugendkultur, die es dort nicht mehr gibt.

Die Zahlen für ganz Niederösterreich sind alarmerend. 2015 gab es noch rund 360 Nachtlokale, 2019 waren es nur mehr 270, und 2024 – nach der Coronakrise – gerade einmal 252. Ein Rückgang von etwa 30 Prozent über neun Jahre. Kurt Reischer von der Wirtschaftskammer Niederösterreich erklärt: „Der lange Stillstand durch die Corona-Maßnahmen hat viele Betreiber wirtschaftlich in die Knie gezwungen”, doch das Problem sei schon vorher spürbar gewesen: „Die Jugend hat sich verändert. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen – und oft lieber zuhause”.

Was früher die Disco war, sind heute Zeltfeste und Vereinsveranstaltungen. Junge Menschen finden diese oft günstiger, weniger kommerziell und im vertrauten Rahmen statt. Die klassische Großraumdisco mit fixem Programm hat es da schwer. Aber es gibt auch eine Ausnahmeerscheinung: die B10 in Hagenberg, die seit 1997 existiert und trotz des Trends erfolgreich ist. Betreiber Martin „Murl” Gruber arbeitet mit saisonalen Öffnungszeiten – die B10 sperrt nur im Herbst und Winter auf, wenn Landwirte wie er selbst mehr Zeit haben und das Publikum feierfreudiger ist. Mit kreativen Themenabenden wie „80er & 90er Partys”, „Mama geht tanzen”, „Malle-Night” und „Ü35-Partys” lockt er weiterhin hunderte Besucher an. Sein Erfolgsrezept: „Du musst immer in Bewegung bleiben, neue Ideen liefern, Trends spüren, bevor sie groß werden”. Die aktuelle Saison war nach seinen Angaben „super”, vergleichbar mit den besten Vor-Corona-Jahren. Dies zeigt, dass Clubkultur in Provinzstädten nicht unmöglich ist, aber kreativ und flexibel sein muss.

Österreich: Innsbruck und das Ende der Institution Project

In Innsbruck, einer Stadt mit knapp 130.000 Einwohnern, musste im Sommer 2025 mit dem Project eine Institution der Tiroler Untergrundkultur schließen. Der Club war zentral an der Innsbrucker Bogenmeile gelegen und war vor allem für seinen breiten Genremix bekannt. Unter den Veranstaltungen war die renommierte Partyreihe „Deep Jackin’ Acid” zu finden, die sich House und Acid widmete, daneben fanden Techno, Hip-Hop und Jungle statt. Der Club kam nicht aus seiner Sommerpause zurück, und die Betreiber sprachen von „einer Veränderung in der Clubkultur” als Grund für die Schließung.

Besonders interessant ist die Begründung: „Die Selbstverständlichkeit, in den Club zu gehen, hat sich verschoben. Oft wird von jedem Abend ein Entertainment-Level erwartet, das ein kleiner Club wie unserer nicht leisten kann”. Dies deutet auf einen fundamentalen Wandel hin – früher war ein Club ein Ort, wo man sich treffen konnte; heute wird oft ein High-End-Erlebnis erwartet, das Kosten senkt und die Viability gefährdet. Wichtig ist auch, dass die Menschen hinter dem Club nicht ganz die Szene verlassen haben: Sie wollen weiterhin in der Tiroler Clubszene aktiv bleiben und Räume suchen, um Untergrundkultur zu bewahren. Das zeigt, dass es nicht primär ein Mangel an Passion, sondern an strukturellen Bedingungen ist.

Schweiz: Der Verlust von Traditionsclubs in Zürich

Zürich, mit etwa 400.000 Einwohnern, ist nicht so klein wie Mistelbach oder Innsbruck, aber die Clubkrise dort ist dennoch symptomatisch für den DACH-Raum. Im Juni 2025 schloss das Mascotte nach 109 Jahren. Laut Mitbetreiber Alfonso Siegrist ist der Umsatz an der Bar „um bis zu 30 Prozent eingebrochen”, und die Jungen „wollen nicht mehr durchfeiern”. Auch der Club Zukunft, einst Herzstück der Technoszene, musste 2024 einem Coop Pronto weichen – ein symbolischer Verlust, der zeigt, wie Subkultur durch Konsumkonformität ersetzt wird.

In den letzten 15 bis 20 Jahren ist die Zahl der Tanzlokale in Zürich um rund 30 Prozent gesunken. Das größte Problem sind bezahlbare, geeignete Räume. „Alle wollen ausgehen, aber niemand will den Club als Nachbarn”, fasst es eine Szene-Verantwortliche zusammen. Die zunehmenden wirtschaftlichen Herausforderungen führen dazu, dass das Interesse, einen neuen Club zu eröffnen, klein ist.

Zürich versucht, auf diese Krise zu reagieren, mit Initiativen wie der Clubnacht – ein neues Format für Studierende, bei dem rund ein Dutzend Zürcher Clubs mit 20 Franken Eintritt und verschiedenen Musikrichtungen ihre Türen öffnen. Der Fokus liegt auf der jungen Generation: „Wir haben vielleicht zu lange auf Erwachsenen-Clubbing, Ü21, gesetzt”. Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass Clubkultur kein Luxus, sondern „Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses: Musik, Bewegung, Emotionen, Ausdruck” ist. Ein Kulturmanager formuliert es so: „Eine Clubnacht ist ein kreativer Akt – live, vergänglich, getragen vom Publikum. Das ist Kultur. Und das verdient Anerkennung”.

Deutschland: Kleine Clubs in der Provinz unter Druck

In Deutschland zeigt sich die Situation der Provinzclubs ähnlich. Während die Debatte oft um Berlin geführt wird, verschwinden Clubs auch aus kleineren Städten. Hamburg mit der MS Stubnitz zeigt ein besonders lehrreiches Beispiel. Die Stubnitz ist ein ehemaliger DDR-Kühlfrachter und gehört zu den angesagtesten Live-Clubs in Hamburg. Seit 1992 treten dort Bands aus aller Welt auf. Doch die Kosten für Security, Barpersonal und Ton- und Lichttechniker sind enorm gestiegen, und der Vermieter lässt den Vertrag 2026 auslaufen. Die HafenCity GmbH hat ergeben, dass es für das Szeneschiff in Europas größtem innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekt keinen Platz gibt.

Eine Spendenkampagne konnte die Stubnitz vorerst retten, wobei die Community 33.000 Euro über das Ziel hinaus sammelte. Doch Thore Debor, Geschäftsführer des Hamburger Clubkombinats, merkt an: „So eine Spendenkampagne macht man alle zehn Jahre. So können aber nicht die strukturellen Probleme gelöst werden”. Ein neuer Ansatz wird dort diskutiert: eine freiwillige Abgabe beim Kauf eines Operntickets oder ähnlichen Musikveranstaltungen, die dann kleinen Bühnen zugutekommt. Hangl erweitert den Vorschlag: Eine Abgabe des Ticketpreises bei Stadionkonzerten würde auch die lokale Szene retten. Stehplatz-Tickets für Taylor Swift kosten teilweise über 200 Euro – ein Euro davon an die lokale Szene würde auch die MS Stubnitz näher ans rettende Ufer bringen.

Hamburg fördert die Clubs zwar, aber im Vergleich zur Förderung der städtischen Oper, die im letzten Jahr 68 Millionen Euro erhielt, mit sehr wenig Geld. Auf die rund 337.000 Euro, die von der Kulturbehörde an die Clubs gehen, verteilt sich auf 56 antragsberechtigte Clubs, was jedem im Durchschnitt 520 Euro pro Monat lässt – viel zu wenig.

Soziokulturelle Bedeutung und die Rolle von Clubs als Schutzräume

Die Bedeutung von Clubs für die Gesellschaft geht weit über ihre Funktion als Unterhaltungsorte hinaus. Clubs sind vielmehr fundamentale Kulturräume, in denen gesellschaftliche Prozesse stattfinden, die anderswo nicht möglich sind.

Clubs als Safe Spaces und geschützte Freiräume

Clubs erfüllen eine zentrale soziale Funktion als Schutzräume für marginalisierte Gruppen und Minderheiten . Die Geschichte der Clubkultur ist historisch eng mit schwarzer und queerer Geschichte verbunden. Das Berliner Schwuz war seit 1977 ein zentraler Ort der queeren Szene – ein Zuhause, ein Schutzraum, ein Stück Berliner Identität. Mit seiner erzwungenen Schließung im November 2024 verschwand einer der ältesten queeren Clubs Europas.

Die Schließung von Clubs wie dem Schwuz ist nicht bloß ein wirtschaftliches Problem, sondern ein Kulturtrauer und ein Sicherheitsverlust. „Ich bin unendlich traurig”, schrieb jemand bei Instagram unter die Ankündigung. Die Berliner Clubcommission äußerte: „Das Schwuz war für viele Menschen weit mehr als ein Club – es war ein Zuhause, ein Schutzraum, ein Stück Berliner Identität”. Der Oppositionspolitiker Werner Graf sprach von einem „Armutszeugnis” für den Senat, dass „einer der ältesten queeren Clubs Europas” schließen musste.

Für Jugendliche bieten Clubs allgemein einen geschützten Raum, in dem sie sich frei von den Zwängen der Außenwelt ausdrücken und ihre Persönlichkeit ausleben können . Ein Kulturwissenschaftler drückt es so aus: Clubs dienen „der Hingabe zum Erleben, der Begegnung und der Distanzierung zum Alltag” . Sie gelten als soziale Orte der Zusammenkunft und Interaktion und sorgen für ein Gemeinschaftsgefühl.

Clubs als Orte künstlerischer Entwicklung und Karrieresprung

Clubs sind traditionell die erste Bühne für Nachwuchskünstler und spielen eine zentrale Rolle in der Künstlerentwicklung . Ein Kulturwissenschaftler bemerkt: „Für Künstler stellen Clubs eine Plattform dar, die es ihnen ermöglicht, vor Publikum aufzutreten. Je nach Grad der Professionalisierung und der Bekanntheit der Musiker bzw. der Band kommt ein wirtschaftlicher Faktor hinzu, der für sie den Club als Arbeitsplatz definiert”.

Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig diese Funktion ist. Clubs wurden zu den „first ones to close and last ones to re-open” – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für die künstlerische Szene ein Desaster. Künstler, die sich auf Clubauftritte stützten, verloren ihre Einnahmequellen und Plattformen. Besonders in Provinzstädten, wo es ohnehin wenige Auftrittsmöglichkeiten gibt, ist ein Clubsterben ein kolossaler Verlust für lokale Künstler.

Clubs und Identitätsbildung der Jugend

Clubs sind für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen von großer Bedeutung . Sie schaffen für Sub- und Jugendkulturen wichtige Freiräume, in denen sich Heranwachsende unterschiedlicher Herkunft treffen können. Ein Kulturwissenschaftler erklärt: „Diese nutzen Clubs als soziale Räume, die es ihnen erlauben, sich frei von den Zwängen der Außenwelt zu inszenieren und die eigene Persönlichkeit auszuleben”. Der Altersunterschied, die Musikrichtung und der oft dazugehörige Kleidungsstil differenzieren sie von anderen Generationen.

Besonders in Provinzstädten, wo soziale Kontrolle oft größer ist und Anonymität weniger möglich, sind Clubs wichtige Rebellion-Orte für Jugendliche . Ein Kulturgeograf, der ländliche Räume erforscht, merkt an: „Dorfgemeinschaften üben oft eine größere soziale Kontrolle aus. Dadurch entstehen aber auch leichter Bekanntschaften. Die Jugendlichen, mit denen wir in unserem Forschungsprojekt gesprochen haben, wussten das Vereinsleben ihrer Dörfer und die Überschaubarkeit zu schätzen”. Aber wenn es keine Clubs gibt, fehlt der Ort, an dem man sich aus dieser Überschaubarkeit befreien kann.

Die anthropologische Dimension ist bedeutsam: Clubs ermöglichen es, dass Menschen sich selbst verwirklichen, dass neue Identitäten erprobt und verhandelt werden können . Wenn Clubs verschwinden, verschwinden auch diese Räume der Selbstverwirklichung, und Jugendliche werden in stärker kontrollierten, kommerziellen oder privaten Räumen gezwungen, ihre Freizeit zu verbringen.

Wirtschaftliche Auswirkungen und Tourismuseffekte

Die wirtschaftliche Bedeutung von Clubkultur wird oft unterschätzt, besonders in Provinzstädten.

Direkte ökonomische Effekte und Beschäftigung

Clubs sind Arbeitgeber und wirtschaftliche Akteure in ihren eigenen Recht . In Berlin waren über 9.000 Menschen direkt in den Clubs beschäftigt und machten einen Gesamtumsatz von fast 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. In Baden-Württemberg werden in Wirtschaftszweigen mit starken Bezügen zur Nachtökonomie pro Jahr knapp 9 Milliarden Euro Umsatz erzielt, und es werden dort über 220.000 Menschen beschäftigt. Diese Zahlen zeigen eine substantielle Wirtschaftskraft.

Mit jeder Clubschließung verschwinden direkte Arbeitsplätze und Einkommensquellen. In Berlin verlor die Leiterin der Wilden Renate, als zwei Clubs schlossen, hundert Menschen ihre Jobs. In Provinzstädten mit kleineren Clubs sind die absoluten Zahlen geringer, aber der relative Schaden ist oft größer – wenn es ohnehin nur wenige Clubs gibt, ist ein Verlust dramatischer.

Sekundäre ökonomische Effekte und Spillover

Clubs haben wichtige sekundäre ökonomische Effekte, die oft übersehen werden. Laut einer Studie aus 2018/19 betrugen die gesamtwirtschaftlichen Umsatzeffekte des internationalen Clubtourismus in Berlin im Jahr 2017 etwa 1,48 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als die direkten Clubumsätze – es beweist, dass Clubs ein Tourismusmagnet sind, der Menschen in die Stadt bringt, die dort Hotels buchen, in Restaurants essen und andere kulturelle Angebote nutzen .

In Provinzstädten ist dieser Effekt unterschätzt. Ein Geschäftsführer der Schweizer Bar- und Clubkommission erklärt: „Nachtkultur ist ein wichtiges Element für die Lokalökonomie. Das dort eingenommene Geld wird auch zum großen Teil wieder in der Region selbst ausgegeben”. Clubs ermöglichen den Spillover-Effekt – der Gast kommt für den Club und konsumiert dann auch in Bars, Restaurants und Hotels der Stadt.

Für kleine und mittlere Städte, die mit Abwanderung zu kämpfen haben, ist dieser Effekt besonders wichtig. Ein Club macht eine kleine Stadt interessanter, lebenswerter und attrakt für junge Menschen, die sonst wegziehen würden . Ein Kulturgeograf bemerkt: „Räume der Selbstverwirklichung” sind entscheidend, um Jugendliche in ihrer Heimatstadt zu halten. Ein fehlender Club ist nicht bloß ein Freizeit-Ausfallerscheinung, sondern ein Attraktivitätsverlust für die ganze Stadt.

Gesellschaftliche Konsequenzen: Der Verlust von Pluralismus und urbaner Vielfalt

Das Clubsterben in Provinzstädten hat tiefe gesellschaftliche Konsequenzen, die über die unmittelbar Betroffenen hinausgehen.

Konzentration von Kulturangebot und Zentralisierung

Das Clubsterben führt zu einer erheblichen Konzentration von Kulturangeboten in Großstädten . Während Berlin, Zürich und Amsterdam noch über ein Netzwerk von Clubs verfügen, verschwinden diese aus der Provinz völlig. Dies schafft eine neue Form der regionalen Ungleichheit: Während Großstädter zwischen dutzenden Clubs wählen können, müssen Jugendliche in Provinzstädten auswandern oder ihre Kultur online konsumieren.

Historisch war dies anders. Clubs waren über die Fläche verteilt, es gab in fast jeder Stadt eine lokale Szene . Die progressive Landdiskothek war Mitte der 1960er Jahren ein Phänomen, bei dem Betreiber und Besucher wichtig fanden, dass man bei etwas Wichtigem dabei war. Heute ist dies vorbei – die Bedeutung ist in die Großstädte abgewandert. Dies bedeutet einen kulturellen Machtverlust von Provinzstädten.

Abwanderung und Überalterung

Das Fehlen von Kulturräumen trägt zur Abwanderung von Jugendlichen aus Provinzstädten bei . Ein Kulturgeograf erklärt: „Das Bedürfnis, aus einem Dorf wegzuziehen, wächst bei Jugendlichen durch die immer höhere Akademisierung der Bildung, aber auch durch fehlende Freizeitangebote”. Ein anderer Bericht merkt an: „Immer mehr junge Menschen verlassen ihre Heimatstädte nach dem Schulabschluss. Besonders betroffen: kleinere und mittlere Kommunen”. Die Gründe sind „struktureller Natur: Ausbildungs- und Studienangebote fehlen, kulturelle Impulse sind rar”.

In Mistelbach zieht es Jugendliche nach Wien. In Innsbruck, einer größeren Stadt, ist die Abwanderung weniger dramatisch, aber auch dort ist es relevant. Ein Kulturgeograf merkt an: „Wenn Kommunen junge Menschen halten wollen, müssen sie ihnen zuhören, ihnen Räume geben und ihre Themen ernst nehmen. Denn wo sie heute bleiben, entsteht das Morgen der Stadt” .

Das Fehlen von Clubs verschärft also ein demografisches Problem: Städte, die bereits mit Überalterung kämpfen, verlieren ihre Jugend noch schneller, weil die kulturellen Räume verschwinden, die für sie attraktiv wären. Ein Teufelskreis entsteht.

Verlust von Vielfalt und Pluralismus

Clubs sind historisch wichtige Orte für kulturelle und stilistische Vielfalt gewesen . Ein Musikwissenschaftler erklärt: „Von der Hippie- über die Punk/New-Wave- bis zur Techno-Ära zählte es zum Kern der Musikszenen, geeignete Auftrits- und Spielorte zu finden, in denen sich ohne allzu große Beschwerden der Nachbarschaft laute Musik aufführen ließ”. Mit der Schließung von Clubs verschwinden diese Freiräume für kulturelle Innovation.

Ein anderer Aspekt: Clubs ermöglichen Ageismus und Körpermessung zu überwinden. In Berlin gibt es inzwischen auch Movemens gegen Ageism in Clubs – ältere DJs und Gäste werden oft diskriminiert. Ein 51-Jähriger, der seit 1989 Raves besucht, startete eine Umfrage zum Thema. Die Umfrage zeigt, dass soziale Aspekte und pragmatische Fragen wichtig sind, etwa ob man an der Tür vorbeikommt oder ob die Toiletten zugänglich sind. Ein Movment für Inklusion und gegen Altersdiskriminierung in Clubs zeigt, dass Clubs Räume sein können, in denen Diversität praktiziert wird.

Wenn Clubs verschwinden, verschwinden auch diese Räume der kulturellen Vielfalt und Inklusion. Was bleibt, sind kommerzielle Großclubs mit standardisiertem Angebot und strenger Guestlist-Politik, die weniger divers sind.

Politische Antworten und alternative Modelle zum Clubsterben

Einzelne Städte und Länder im DACH-Raum und international haben begonnen, auf das Clubsterben mit innovativen Maßnahmen zu reagieren. Diese zeigen, dass es Lösungen gibt, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Das Nachtbürgermeister-Modell und Servicestellen für Clubkultur

Amsterdam war Vorreiter bei der Einrichtung eines Nachtbürgermeisters . Freek Wallagh ist der aktuelle Nachtbürgermeister Amsterdams, ein erfahrener Poet, Event-Organisator und Politikwissenschaftler, der seit seiner Jugend im Nachtleben arbeitet. Die Funktion ist mit der Stichting N8BM A’DAM verbunden, einer unabhängigen Non-Profit-Foundation, die sich einer lebendigen, vielfältigen und integrativen Nachtkultur verschrieben hat.

Der Nachtbürgermeister ist kein einfacher Manager, sondern ein „wichtiger Sounding Board und aktiver Partner in der Diskussion für alle Teilnehmer der Nacht; dies beinhaltet den Stadtrat, Unternehmer und Anwohner”. Wichtiger noch: „Der Nachtbürgermeister ist ein Dorn im Auge des Stadtrats, aber auch jemand, der den richtigen Ton treffen kann, um Ziele zu erreichen. Durch die Schaffung von gegenseitigem Verständnis ändert der Nachtbürgermeister das Spiel”.

Über 60 Städte weltweit haben inzwischen eine Servicestelle für die Club- und Veranstaltungsszene, und täglich werden es mehr. Diese Stellen bieten Services, vernetzen und vermitteln. Sie unterscheiden sich jedoch erheblich in ihrer Struktur: Während einige innerhalb der städtischen Verwaltung angesiedelt sind, agieren andere als loser Zusammenschluss aus der Szene. Das Budget reicht von einer Million Euro jährlich bis zu null.

Basler Clubförderung und das Schweizer Modell

Basel hat mit seinem Förderprogramm für Club- und Nachtkultur Pionierarbeit geleistet. Basel hat seinen ersten Nachtmanager ernannt, der als zentrale Anlaufstelle für die Basler Club- und Nachtkultur fungiert. Zu seinen Aufgaben gehören die Konzeptionierung und Organisation von Workshops zu aktuellen Themen, Sprachrohr der Szene und Lobbyist.

Die Förderung von Clubmusik-Programmen übernimmt das Musikbüro Basel im Auftrag des Kantons. Für Infrastrukturbeiträge ist die Abteilung Kultur zuständig. Der Nachtmanager arbeitet im Tandem mit dem Beauftragten für Club- und Nachtkultur und der Zuständigen für die Vergabe von Programmbeiträgen – ein „zuverlässiges Trio”, das die Clubkultur Basels stärkt.

Das Agent-of-Change-Prinzip

Das Agent-of-Change-Prinzip wurde 2018 in England eingeführt und ist ein innovativer Ansatz zum Schutz von Clubs vor Gentrifizierung . Das Prinzip besagt, dass der Verursacher einer Veränderung – also der Entwickler, der ein Wohngebäude neben einem bestehenden Club baut – die Verantwortung für Lärmschutzmaßnahmen trägt, nicht der Club .

In Melbourne wurde das Prinzip bereits 2014 implementiert und hat sich bewährt: Zwischen 2012 und 2017 konnte die Anzahl der Live-Musik-Venues trotz intensiver Stadtentwicklung nahezu konstant gehalten werden. Victoria führte das Prinzip als weltweites Pilotprojekt 2014 ein, ausgelöst durch massive Proteste der Musikindustrie gegen restriktive Gesetze.

In London hat das Agent-of-Change-Prinzip zu einem verlangsamten Clubsterben geführt . Neue Wohnprojekte in Shoreditch, Camden und anderen traditionellen Ausgehvierteln müssen seither erhöhte Schallschutzstandards einhalten.

In Deutschland wird das Prinzip seit den späten 2010er Jahren in der Stadtplanung diskutiert, rechtlich jedoch noch nicht flächendeckend umgesetzt. Einzelne Bundesländer und Kommunen entwickeln entsprechende Regelungen, insbesondere im Kontext des Clubsterbens in Großstädten wie Berlin, Hamburg und München. Dies ist genau der Ansatz, der in kleineren Städten auch benötigt wird.

Berliner Clubcommission und Nachtökonomie-Strategie

Die Berliner Clubcommission hat 2024 eine Gesamtstrategie zur Berliner Nachtökonomie erstellt. Diese Strategie wurde im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe entwickelt und soll zu einer besseren Nutzung der ökonomischen, sozialen und kulturellen Potenziale der Nachtstunden führen.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Authentizität und Vielfalt des Nachtlebens, dem Schutz bestehender Strukturen und der Anpassung an globale Krisen und Klimawandel. Die Ziel ist es, Berlin als attraktive und lebenswerte Stadt für Besucher, Unternehmen und kreative Talente zu positionieren. Diese ganzheitliche Sicht auf die Nachtökonomie als wesentlicher Bestandteil der urbanen Identität könnte auch für Provinzstädte vorbildlich sein.

Gesellschaftliche Implikationen und erforderliche Maßnahmen

Das Clubsterben in der Provinz ist kein unbedeutendes Phänomen lokaler wirtschaftlicher Schwäche, sondern ein Symptom fundamentaler gesellschaftlicher Verschiebungen und ein Zeichen mangelnden politischen Handelns. Die Konsequenzen dieses Sterbens sind tiefgreifend und betreffen mehrere gesellschaftliche Ebenen.

Kulturell bedeutet das Clubsterben den Verlust von Freiräumen für künstlerische Innovation, den Rückgang von Subkulturen und die Homogenisierung von Freizeitangeboten. Orte, die historisch als Brütkasten für neue Musikstile, Kunstformen und Lebensweisen dienten, verschwinden, und mit ihnen verschwinden auch die Möglichkeiten für gesellschaftliche Experimente jenseits des Mainstreams. In einer zunehmend konformistischen Gesellschaft sind diese Freiräume existentiell.

Sozial führt das Clubsterben zum Verlust von Safe Spaces für marginalisierte Gruppen, zur Verstärkung von Ageism und zur Reduktion von Interaktionsmöglichkeiten für Jugendliche. Clubs waren Orte, an denen queere Menschen, Angehörige von Minderheiten und gesellschaftlich Marginalisierte zusammenkommen konnten, ohne Angst vor Diskriminierung. Mit der Schließung dieser Orte verschärft sich die Isolation dieser Gruppen.

Demografisch verstärkt das Clubsterben die Abwanderung von Jugendlichen aus Provinzstädten und führt zur Überalterung dieser Regionen. Ohne kulturelle Angebote, die speziell für junge Menschen attraktiv sind, werden diese in die Großstädte abwandern, wo solche Angebote noch vorhanden sind. Dies schafft ein Teufelskreis: Je mehr Jugendliche abwandern, desto weniger lohnt sich ein Clubbetrieb, desto schneller schließen Clubs.

Wirtschaftlich bedeutet das Clubsterben nicht nur den Verlust direkter Arbeitsplätze und Umsätze, sondern auch den Verlust von sekundären ökonomischen Effekten – der Zustrom von Touristen, die Belebung von Stadtteilen, die Attraktivität für Fachkräfte. Provinzstädte, die ohnehin mit wirtschaftlichem Niedergang kämpfen, verlieren damit einen wichtigen Faktor ihrer Attraktivität.

Politisch ist das Clubsterben ein Versagen, Clubs als Kulturbetriebe anzuerkennen und entsprechend zu schützen. Während Museen, Theater und Opernhäuser massiv subventioniert werden – Hamburg gibt der Oper 68 Millionen Euro, während Clubs 337.000 Euro teilen müssen – werden Clubs oft noch als Vergnügungsstätten behandelt, nicht als Kulturbetriebe. Dies ist ein konzeptioneller Fehler mit praktischen Konsequenzen.

Was getan werden muss, ist klar: Erstens müssen Clubs rechtlich als Kulturbetriebe anerkannt und entsprechend geschützt werden. Das bedeutet Veränderungen im Baurecht, um Clubs vor Gentrifizierung und Verdrängung zu schützen. Das Agent-of-Change-Prinzip sollte in allen Bundesländern und Kantonen implementiert werden. Zweitens müssen strukturelle Förderungen für Clubs bereitgestellt werden – nicht nur in großen Städten, sondern auch in der Provinz. Ein Club in einer kleinen Stadt braucht anteilig mehr Unterstützung als einer in Berlin, weil die Wirtschaftskraft kleiner ist. Drittens sollten Servicestellen für Clubkultur wie Clubcommissions und Nachtbürgermeister auch in kleineren Städten etabliert werden. Diese könnten als Vermittler zwischen Clubs, Anwohnern und Behörden agieren. Viertens müssen GEMA-Gebühren und andere regulatorische Hürden überprüft und, wo möglich, reduziert werden, besonders für kleinere Clubs.

Ultimately, das Clubsterben in der Provinz ist ein Test für die Frage, ob unsere Gesellschaft Subkulturen und kulturelle Vielfalt wertschätzt. Die Antwort bislang ist: nicht genug. Wenn es nicht zu einem Umschwung kommt, wird eine ganze Jugendkultur verloren gehen, werden sichere Räume für Marginalisierte verschwinden, und Provinzstädte werden zu noch isolierteren, noch älteren Orten. Das sollte nicht akzeptiert werden.

Fußnoten/Quellen 

  1. Clubsterben: Vom Club-Tod und der Suche nach den … 
  1. Club- und Diskothekensterben 
  1. Disco-Sterben auch im Bezirk Mistelbach 
  1. Keine Lust auf Kater: Wie die Gen Z das Nachtleben … 
  1. Bedrohte Kulturszene: «Ohne Clubs verliert Berlin sein Herz 
  1. Warum sterben kleine Clubs? Ein Blick auf Mieten … 
  1. Werden die neuen GEMA-Tarife wirklich ein Clubsterben … 
  1. Immer weniger Live-Bühnen: Clubs bluten aus 
  1. Nachtökonomie Strategie Berlin 
  1. Club-Kultur und Corona: „First Ones to Close and Last … 
  1. Clubsterben: Der drohende Untergang des Nachtlebens 
  1. Agent-of-Change 
  1. Agent Of Change 
  1. Drohender Untergang des Nachtlebens – geht Gen Z nicht … 
  1. Project: Innsbrucker Club muss schließen – Groove Magazin 
  1. Clubsterben in Zürich: Warum Clubkultur für das … 
  1. Beitrag | Panorama der Clublandschaft 
  1. Welche kulturelle Bedeutung haben Clubs für Städte? 
  1. Dimensionen von Clubkultur und deren Bedeutung für die … 
  1. Kultclub muss schließen: Bestürzung über Aus fürs Schwuz 
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  1. Kinder und Jugendliche als Zukunftsmotor für ländliche Räume 
  1. Clubsterben: die Gründe – und wie wir die Clubs retten 
  1. NightLÄND BW 
  1. Jugend zieht weg – und was tut die Stadt dagegen? 
  1. Die Landdiskothek Zum Sonnenstein im Museumsdorf … 
  1. Generationgap im Berliner Nachtleben: Alt gegen Jung … 
  1. English – Stichting Nachtburgemeester Amsterdam 
  1. Internationale Servicestellen für Clubkultur 
  1. Clubförderung – Basel